Nelson
Am Vormittag hatte unser Auto die Takaka Hills wieder mit Mühe und Not überwunden. Was für ein Kerl! Über Motueka, Tasman und Richmond ging es dann nach Nelson. Wobei Richmond schon fast in Nelson übergeht.
Angekommen in der Stadt suchten wir erst einmal nach dem örtlichen i-Site. Da wir unserem Reiseplan noch immer lange voraus waren beschlossen wir, hier ebenfalls wieder zwei Nächte zu bleiben. Die freundliche Frau im i-Site suchte uns (gemäß unseren Vorgaben: < $150, nett und etwas abseits) zwei B&Bs heraus. Mein Bauch entschied sich für eines, welches laut Stadtplan so ziemlich im Zentrum lag, offensichtlich jedoch die beste Reputation genoss.
Te Maunga
Nachdem wir dort ankamen waren wir wieder einmal verblüfft. Nicht nur deswegen, weil unser kleines Auto mal wieder einen Berg mit geschätzten 80% Steigung hinauf schnaufen musste, sondern auch weil es sich hier um einen historischen Platz handelte. Das Haus hatte einen Touch viktorianisches an sich, war aber "erst" 1936 erbaut worden. Es war toll! Und es hatte sogar einen eignen Name: Te Maunga (= Berg, oder hoher Standort).
Wir wurden von Victoria begrüßt. Einer quirligen Frau Ende dreißig, mit drei Kindern. Sie war jedoch "nur" die Tochter der Besitzerin und vor kurzem aus Vietnam zurückgekehrt, wo sie längere Zeit gelebt hat. Wir bezogen unser Zimmer im erste Stock staunten über die Aussicht über die Stadt.
Anne, die Besitzerin bekamen wir erst am Abend zu Gesicht, nachdem wir von unserem Tango Ausflug zurück kehrten. Davon aber später mehr.
Anne ist eine Seele von Mensch. Und sie hat sich von uns gern von Ihrer Arbeit im Haus abhalten lassen, um mit uns zu quatschen. Wir hatten viele Fragen zu dem Haus und auch sie selbst war eine sehr interessante Frau!
Die Straße war nach Ihrer Tante benannt: Dorothy Annie Way, von der Sie das Haus geerbt/gekauft hatte. Leider erfuhren wir nicht so viel über diese Dorothy Annie, dafür mehr über Ihren Mann Harry Atmore (en), der Mitglied des neuseeländischen Parlaments war und wohl eine bedeutende Rolle im Bildungssektor spielte. Ich fand einen Zeitungsausschnitt, der besagte, dass jeder der den Weg auf den Berg auf sich nahm, um die (kleine) Bibliothek zu durchstöbern, immer auch eine warme Mahlzeit bekam. Die private Bibliothek war lange Zeit die Größte überhaupt in Neuseeland.
Anne selbst war aber wenigstens ebenso bewundernswert. Nachdem sie das haus von Ihrer Tante übernommen hatte, musste sie auch für dessen Unterhalt sorgen, was sich als nicht ganz so einfach herausstellte. Aus diesem Grund ging sie in die USA, um dort als Krankenschwester und Hebamme zu arbeiten. Das verdiente Geld floss in die Erhaltung des Hauses. Später interessierte sie sich für Alaska und das Leben dort, was sie dazu bewegte sich in Alaska als Hebamme zu bewerben, wo sie sofort eingestellt wurde.
Zurück in Neuseeland beschloss sie, dass sich das Haus, in finanzieller Hinsicht selber tragen sollte und machte ein Bed and Breakfast daraus. Einen Teil des Hauses vermietet sie längerfristig (ab 6 Monate).
Während des neuseeländischen Winters macht sie Urlaub, dort wo es warm ist. So besteigt sie auch schon mal den Kilimandscharo oder macht eine Fahrradtour von Stuttgart nach Heidelberg. Beneidenswert diese Energie! Ihre Tochter versprüht diese ebenso. Es scheint sich also zu vererben.
Kiwi-Tango
Kurz bevor wir unsere Unterkunft aufsuchten, hatten wir noch einen kurzen Stopp im Verdict Restaurant & Ale House, wo sich an diesem Abend die lokale Tango-Community treffen wollte. Das hatten wir bereits im Vorfeld über das Internet gecheckt. Nelson und Christchurch scheinen die einzigen Orte auf der Südinsel zu sein, wo man Tango tanzt.
Viele Leute waren nicht da. Vielleicht 10-12 Leute. Gemessen an der Gesamtbevölkerung und dem prozentualen Anteil der sich wahrscheinlich für Tango interessiert, ist das allerdings viel.
Natürlich vielen wir sofort auf. Und das nicht nur wegen der roten Haare von meinem Schatz! Von links und rechts brachen Fragen auf uns hernieder, die wir gar nicht alle und so schnell beantworten konnten. Alsbald erkannte ich, wer hier am meisten erzählt: Corina.
Corina ist gebürtige Schweizerin und spricht etwas schweizerisch-untypisch recht viel und das ziemlich schnell. Was sie jedoch nicht ablegen konnte ist das typische schweizer "Oder?!" (sprich: oodrrr), am Ende jeden zweiten Satzes. Dieses oodrrr kam immer, egal ob sie deutsch oder englisch sprach. Wirklich drollig!
Corina ist mit Berti verheiratet, einem bekannten lokalen Architekten aus Nelson (und übrigens ein guter, alter Freund von Anne). Die beiden lernten sich irgendwann in Buenos Aires kennen und lieben. Corina ist eine Frau der Tat und so zog sie bald nach Nelson, wo beide im letzten Jahr heirateten, was beide auf die Titelseite der lokalen Zeitung brachte. Oodrrr?!!
Corina war es auch, die meinte – nachdem wir zwei-drei Tangos getanzt hatten – dass man am nächsten Abend doch spontan eine Milonga im "Boats House" machen könnte. Wie es aussieht sind Corinas Vorschläge keine Ideen, sondern eigentlich schon beschlossene Sache.
Am nächsten Abend im Boats House war es einfach toll. Es liegt nicht weit vom Hafen, natürlich am Wasser (heißt ja nicht umsonst Boats House!) und ist außerdem Tagungsort des örtlichen Rotary Clubs. Wir saßen auf der Veranda und jeder hatte etwas mitgebracht: Wein, Kuchen, Kekse, Kaffee, salziges. Wir genossen die warmen Sonnenstrahlen des späten Abends, während drinnen schon Tangomusik lief. Die Sonne schickte sich an einen spektakulären Sonnenuntergang zu zaubern. Selbst die Einheimischen waren davon verzückt und machten ein Foto nach dem anderen. Und irgendwann natürlich auch ein Gruppenfoto, mit Schatz und mir.
Dann tanzten wir Tango. Ich zuerst mit der lokalen Tangolehrerin Anne Maree, Schatzi mit mehreren Männern und auch einer Frau. Anne Maree war froh und glücklich, dass sie mal wieder mit einem Mann tanzen konnte, der zu führen verstand (grins). Sie genoss es sichtlich! Und auch unsere Musik kam gut an. So gut, dass wir unsere CD verschenkten, damit Nelson künftig unsere Tangos genießen kann.
Es war ein wunderschöner Sommer-Abend!
Historic Founders Heritage Park
Am Vormittag des selben Tages besuchten wir den historischen Founders Heritage Park. Eine tolle Einrichtung, wie ich finde. Viele historische Gebäude der Stadt wurden an originaler Stelle ab- und hier wieder aufgebaut. Viele dieser Gebäude sind museumsartig eingerichtet, wie zum Beispiel ein General Store vom Ende des 19. Jahrhunderts, Apotheke, Zahnarzt, Rechtsanwalt, Bahnstation und vieles mehr. Man bekommt einen guten Eindruck, ,wie es in Nelson so zuging, am Ende des (vor) letzten Jahrhunderts.
Der Ring
Natürlich darf man eine Sache nicht übergehen, wenn man in Neuseeland ist. Und schon gar nicht, wenn man in Nelson ist: DER Ring.
Wie jeder weiß, ist Neuseeland das Land aus "Herr der Ringe". Und überall, wo auch nur eine kurze Sequence des Films aufgenommen wurde, findet man heute Hinweistafeln und kann "Auf den Spuren des Rings" wandeln.
Was jedoch die wenigsten wissen, der Ring kommt aus Nelson. Geschmiedet von Jens Hansen, einem dänischen Goldschmied. Sein Laden liegt gleich neben der Shopping Meile von Nelson. Dort kann man ihn bewundern. Den Ring, im Original und mit anfassen. Natürlich kann man dort auch seinen eigenen Ring bestellen, inklusive Herstellerzertifikat.
Leider ist Jens Hansen kurz vor der Veröffentlichung des Films gestorben, doch seine beiden Söhne führen das Geschäft weiter. Einer von beiden tanzt auch Tango…
Ich bin jetzt kein riesiger Fan von "Herr der Ringe", aber wenn man schon mal hier ist, dann wäre es blöd, wenn man sich das nicht anschaut und später davon erzählen kann. Ein großes Hallo gab es dann auch noch, denn Anne Maree, die Tango Lehrerin, arbeitet dort hinter dem Tresen.
Und weiter…
Am gleichen Tag noch machten wir uns auf in Richtung Picton. Über Havelock ging es über den sogenannten "Queen Charlotte Drive", einer schönen Küstenstraße (wieder mal mit vielen Serpentinen) mit vielen spektakulären Ausblicken auf den Marlborough Sound, statt über den Highway. Letzterer führt langweilig durchs landesinnere. Danke für den Tipp an Corina und Berti.
Picton ist das Tor zur Südinsel, zumindest wenn man mit der Fähre von Wellington kommt. Picton selbst ist nicht besonders erwähnenswert. Ein kleines Küstenstädtchen, welches durch den Fährhafen und den Tourismus lebt.